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GOZZOBURG KREMS: Gozzo – Manager.Mäzen.Mönch

16. Mai 2016 Veröffentlicht von Monika Hauleitner

Schon für die Zeitgenossen war Gozzo der Inbegriff von Reichtum und Organisationstalent, Bauherr und Kunstmäzen ersten Ranges und Financier des böhmischen Königs Ottokar II Přemysl. Werfen wir einen Blick auf sein Leben und seine Zeit:

GOZZO WANTED – Steckbrief für den schnellen Überblick

Lebensdaten: * ?, † vor dem 17.5.1292
Herkunft: ungewiss, vermutlich aus dem nördlichen Weinviertel (∼Mailberg)
Familienstand: vor 1247 Verehelichung mit Gerbirg Sevelderin (†1284) aus Stein an der Donau: ⇒ 4 Söhne, 2 Töchter
Qualifikation des Lesens und Schreibens kundig in einer Zeit, als dies für eine Karriere als Führungskraft schon reichte; ausgeprägtes Organisationstalent
Beruflicher Werdegan Kammergraf (Immobilien- und Liegenschaftsverwalter des Königs von Böhmen Ottokar II. Přemysl);
Stadtrichter von Krems (als berufliches 2. Standbein);
Mönch im Zisterzienserstift Zwettl
Charakter: Wie müssen wir uns Gozzo vorstellen?
  • Selbstbewusster Selfmademan: Man denke nur an den Wappenfries in seinem „Arbeitsraum“ – Das Who is Who des 13. Jahrhunderts
  • klettert die Karriereleiter hoch hinauf und wieder hinunter; im Alter zunehmend sehr gottesfürchtig
  • beweist Weitblick und politisches Fingerspitzengefühl – schafft somit rechtzeitig den Spagat von König Ottokar II. Přemysl von Böhmen zu König Rudolf I von Habsburg
  • erkennt die Zeichen der Zeit, was sowohl Machtverhältnisse als auch seinen Kunstsinn betrifft.
  • erfindet die mittelalterliche Version des Home Office>
Finanzieller Background STEIN-reich, besitzt immerhin 19 Häuser (18 in Krems, 1 in Stein), Wälder in Stein und Egelsee, 7 Obstgärten, 19 Weingärten, 16 Hofstätten und Gutshöfe, 2 Donau-Überfuhren (u.a. Hollenburg)

Krems Gozzoburg Arakden Gozzoburg Krems Gozzoburg Krems Gozzoburg Krems Außenansicht

Gründlicher und vor allem chronologischer Spaziergang durch Gozzos Leben und seine Burg:

Von Gozzos Leben ist recht wenig bekannt; seine Familie dürfte nicht berühmt genug gewesen sein, um in die Annalen der Geschichte einzugehen und so weiß man nur, dass er aus dem Weinviertel stammt, vermutlich aus der Gegend von Mailberg. Heute würde man sagen, er kam als Nobody nach Krems, der sich durch die Einheirat ins gehobene Bürgertum recht schnell zu einem echten Senkrechtstarter entwickelte, einem Parvenu ersten Ranges.

Gozzo lebte in einer Zeit des Umbruchs, manche nennen es auch Interregnum: die Babenberger waren gerade erst ausgestorben: Herzog Friedrich der Streitbare hatte anno 1246 bei der Schlacht an der Leitha sein Leben gelassen (trägt man den Beinamen „der Streitbare“,  kann man wohl kaum im Bett sein Leben aushauchen) – und somit war das Ende der Babenberger besiegelt. Ob nun unser Freund Gozzo im Jahr danach seine Gerbirg aus Liebe heiratete, kann rückwirkend nur gehofft werden, aber auf alle Fälle entstammte seine Angetraute der überaus angesehenen und vor allem einflussreichen Familie des Konrad I Sevelder in Stein, was für ihn bestimmt kein Nachteil war. Gozzo selbst dürfte auch nicht ganz mittellos gewesen sein, denn schon bald erstand er eine Liegenschaft in durchaus prominenter Lage – die ältesten Teile der heutigen Gozzoburg. Zahlreiche weitere Häuser- und Grundstücksankäufe in und um „Chrembs“ folgten zügig. Heute würde man sagen, er war „steinreich“, denn ein Haus aus Steinen, noch dazu mit diesen Ausmaßen im Zentrum der damaligen urbs war in Zeiten von Lehm- und Holzbauten durchaus beeindruckend.

Gozzo dürfte aber nicht nur vermögend, sondern auch klug und gebildet gewesen sein, immerhin war er des Lesens und Schreibens mächtig, was auch keine Selbstverständlichkeit war in Zeiten, wo das noch nicht zur Mindestanforderung in jedem CV gehörte. Angesehen, wissend und charismatisch müssen wir ihn uns vorstellen, denn recht rasch avancierte er zum Stadtrichter, sogar noch zur Zeit von Markgraf Hermann von Baden (Württemberg), der leider auch sehr bald das Zeitliche segnete. Dieses Machtvakuum in den österreichischen Landen schrie geradezu nach einem neuen Herrn und Ottokar II. Přemysl schien diesen Ruf zu hören! Gozzo schätzte die Lage und -vor allem Machtverhältnisse- richtig ein und auch Ottokar brauchte Vertrauensleute vor Ort. Ganz am Rande sei gesagt, dass Ottokar sozusagen als Rückversicherung seiner Ansprüche die um Jahrzehnte ältere Margarete von Babenberg, die Schwester von Friedrich dem Streitbaren, heiratete und als diese – oh Wunder!- keine Kinder gebar, durfte er sich sogar mit päpstlicher Erlaubnis scheiden lassen. [Sollten Sie eine Stadtführung in Krems machen, führt Sie die Margarethenstraße mit dem Haus Nr. 9, wo Margarete die Wintermonate verbrachte- von der Kremser Stadtpfarrkirche direkt zur Gozzoburg].

Gozzos Ansehen wurde immer größer, die Liste seiner Ämter immer länger und sein Haus immer höher und breiter. Mehrmaliger Stadtrichter, Kammergraf, Amtmann des Königs von Böhmen, Kammerprokurator, Schlüsselamtmann – die Liste seiner Funktionen ist lang und jene seiner Besitzungen noch länger.

Gozzo hielt viel auf Bildung, immerhin schaffte er es, dass ihm der Passauer Bischof das Recht einräumt, dass in seiner hauseigenen Johannes-Kapelle der Kaplan vier Schüler unterrichten dürfe – rein zufällig hatte Gerbirg in der Zwischenzeit 4 Söhnen das Leben geschenkt – die beiden Töchter mussten nicht zwangsläufig gebildet sein, die Mädels konnten in aller Ruhe spinnen!

[Sollten Sie eine Innenführung in der Gozzoburg machen, müssen Sie wissen, dass es sich dabei um die jetzige Katharinen-Kapelle handelt; die Hl. Katharina hatte 1314 die Ehre, Johannes abzulösen! Am Weg dahin können Sie gar nicht umhin, an einem Fresko vorbeizuspazieren, das für alle Kunsthistoriker ein wahres Highlight ist, aber auch für einen Durchschnitts-Besucher ein echter Hingucker ist, zumal Christus blonde Locken hat: Die Rede ist von einem Rötelfresko im Zackenstil mit mehreren Passionsszenen an der ehemaligen Außenseite der Kapelle; allerdings ist durch diverse Auf-, Zu-, Anbauten aus der Außenfassade  ein Innenraum geworden!]

Gozzoburg Krems Wappensaal OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Gozzoburg Krems Wappensaal OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ganz beiläufig förderte Gozzo auch die Künste, vor allem jene in seinem eigenen Haus. Besucher sollten beeindruckt sein von seinem Sinn fürs Schöne, seinem Vermögen und seinem „domus gozzonis“ – von einer Burg war noch lange keine Rede. Damit die Nachwelt ihn auch nicht ganz vergisst, stiftete er den Dominikanern ein Fresko, natürlich –in aller Bescheidenheit-mit seinem Konterfei! Aber das ist eine andere Geschichte!

Ottokars Tage waren allerdings gezählt, als der erste prominente Spross der Habichtsburg die politische Weltbühne betrat! Rudolf fackelte nicht lange herum und holte die opinion leader der Nation auf seine Seite. Was folgte, war hart – für Ottokar und auch für Gozzo!

Ein Jahr in Geiselhaft in Ottokars mährischer Burg Klingenberg / Zvikov (1277) schienen Gozzos Loyalität zum einstigen Brötchengeber auch nicht gerade zu bestärken und so schien es Gozzo angezeigt, ins Lager Rudolfs zu wechseln. Gozzo war schon immer einer, der es verstand, Machtverhältnisse richtig einzuschätzen! König Ottokars Glück und Ende war gekommen und schon bald konnte man sich seines Todes versichern. Rudolf ließ Ottokars Leichnam immerhin 30 Wochen lang in der Minoritenkirche in Wien aufbahren. In Zeiten ohne Facebook und Internet brauchte es eben eine Weile, bis Nachrichten die Runde machten!

Gozzo hatte sich beizeiten auf die richtige Seite geschlagen und so änderte sich an seinen Ämtern und Würden wenig: Auch unter Rudolf von Habsburg blieb er für die Finanzverwaltung von Österreich ob der Enns zuständig und bekleidete das Stadtrichter-Amt.

Gozzo war zeitlebens ein gottesfürchtiger Mann, der die Künste Italiens liebte! (Den Beweis dafür lieferte er selbst durch den südlich inspirierten Anbau im Stile eines Palazzo publico)

Gozzoburg Krems Gozzoburg Krems

Kunst + Glaube ⇒ Rom-Reise! Alt, weise und gottesfürchtig geworden pilgerte Gozzo nach Rom (Februar-Juni 1286), kam demütig zurück und trat ins Zisterzienserstift Zwettl ein! Ein Bauherr ersten Ranges, ein Mann des Geldes, ein perfekter Networker und Kunstfreak wurde Mönch, was natürlich nicht zum Schaden des Klosters war; nachzulesen in der Bärenhaut im Stift Zwettl. Der Hintergrund dürfte sein immenser Reichtum gewesen sein, in einer Zeit, wo Geld und Besitz ein Werk des Teufels war! Gozzo hatte also allen Grund, um sein Seelenheil zu bangen. Eine Pilgerreise und fromme Stiftungen würden den Weg der Seele in den Himmel sicher beschleunigen. Diese Einstellung teilte er mit Conrad von Tulln, ebenfalls einer der ganz prominenten Zeitgenossen mit einem sehr ähnlichen Lebenslauf – er trat auf dem Höhepunkt seiner Karriere ins Dominikanerkloster Tulln ein!

Gozzo hatte den Spagat zwischen Ottokar Py und Rudolf von Habsburg geschafft und auch den Spagat zwischen Himmel und Erde.

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