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Kremser Simandlbrunnen: Denkmal für einen Anti-Helden!

17. Januar 2019 Veröffentlicht von Monika Hauleitner

Die Kremserinnen wussten sich durchzusetzen – lange vor „Halbe-Halbe“, Gendern und Binnen-I ! Was hat es also mit dem Brunnen und seinem namensgebenden Helden auf sich? Dafür müssen wir ins Reich der Sagen abtauchen und finden mehrere Varianten:

Simandlbrunnen Krems © kremskultur

In Krems hätte der Legende nach ein Bürger namens Simon Handl gelebt, der von seiner Holden besonders arg misshandelt und geprügelt worden sein soll, er wurde somit zum Inbegriff eines Simandls (Hauspatschen; in Deutschland vielleicht besser verständlich unter der Bezeichnung „Pantoffelheld“). Die Kremser Frauen begannen regelrecht darin zu wetteifern, wer den Ehegatten besser unterjochen könne. Im Jahr 1528 trieben sie es dann doch zu weit. Die Gepeinigten taten sich zu einer Beratung zusammen und beschlossen, beim Stadtrat Hilfe zu suchen. Die gestrengen Ratsherren hatten die glorreiche Idee, die Männer sollten beim Simonimarkt nette Geschenke für ihre Gemahlinnen erstehen und sich so von der Pein freikaufen. Seither treffe sich diese Gesellschaft jedes Jahr am Simonimarkttag (28. Oktober) im Gasthaus „Zu den drei Raben“ auf dem Hohen Markt. Angeblich bittet er hier in dieser Szene um den Haustorschlüssel, um mit seinen Leidensgenossen – der Simonibruderschaft – auf ein Bierchen gehen zu können!

Wehrhafte Kremserinnen: Einer zweiten Version wurde Krems 1619 von einem feindlichen Heer aus Böhmen angegriffen. Die Männer stürmten hinaus, um die Stadt zu verteidigen, doch ihnen wurde der Weg abgeschnitten und die feindlichen Truppen begannen, die Stadt zu belagern. Die Kremser Frauen waren aber bekannterweise nicht gerade zimperlich und griffen einfach selbst zu den Waffen. Sie verteidigten die Stadtmauern so lange und hartnäckig, dass die Belagerer aufgeben mussten. Die Stadt war gerettet. Ab dem Moment hatten natürlich die Frauen die Hosen an!

Eine dritte Version ist die Legende von sieben kleinwüchsigen Brüdern („sim Mandln“ = sieben kleine Männer), die sich zur ersten Simandl-Bruderschaft zusammengeschlossen hätten und so zum Kern einer großen Männergesellschaft wurden, um einander zu ermutigen, zu trösten und zur Geduld zu ermahnen.

In einer weiteren Variante der Namensentstehung heißt es, SIMANDL würde sich ableiten von SIE IST DAS MANDL!

  Simandlbrunnen Krems © kremskultur     Simandlbrunnen Krems © kremskultur

Tatsache ist auf alle Fälle, dass …

  • es ab 1517 Simandlbruderschaften gab: Siegmund von Dietrichstein, seines Zeichens Statthalter von NÖ und nicht nur Günstling, sondern auch Schwiegersohn von Kaiser Maximilian I, gründete eine Vereinigung mit dem Ziel der Mäßigung und Moral ihrer Mitglieder. Die Männer sollten sich weniger dem Trunk hingeben und weniger fluchen! In der Folge wurden in Wien und NÖ zahlreiche solcher Simandl-Bruderschaften gegründet, ihren Hauptsitz hatten sie schließlich in Krems (urkundlich belegt ab 1747).
  • ab dem Mittelalter immer wieder klischeehaft die literarische Figur des Siemanns auftaucht, ein wenig heldenhafter Mann. Im bayrisch-österreichischen Raum wurde aus diesem Siemann die verkleinerte Forman des „Simandl“. Sein Pendant – eine recht wehrhafte und übermäßig selbstbewusste Frau – ist ganz logisch demnach der „Ermann“!
  • Jemanden als „Simandl“ zu bezeichnen ist wahrlich kein Kompliment, entspricht es doch einem Pantoffelhelden = Hauspatschn!
Grosses Sgraffitohaus Krems © kremskultur Leider ist es auch Tatsache, dass auch andernorts in Krems die Schlagkraft der Kremserinnen belegt ist: Auf dem Großen Sgraffitohaus (Ecke Althangasse/Margaretenstraße, direkt neben dem Eingang, Jahr 1560) sind 2 Männer im Gespräch abgebildet, der Text darunter:

„Honigl: ich muß Dir klage, mein Frau tut mich schlage“. Darauf die Antwort: „Osch………, pile mein: Mein Frau ist böser als die dein!“

Realienkunde abseits von Mythos und Legende:

Offiziell dienten die Bruderschaften den Männern dazu, sich gegenseitig in ihrer Geduld und Sanftmütigkeit gegenüber ihren gewalttätigen Ehefrauen zu bestärken. In einem Dokument mit dem Namen „Geschichte und Statuten der weltberühmten Simandlbruderschaft“, das aus dem Jahr 1790 stammt, steht zum Beispiel:

„Ein Mann soll sich lieber selbst eine Ohrfeige geben, ehe er sich untersteht, gegen seine Frau eine finstere Miene zu machen.“

„Den Widerspruch soll jeder Simandl als sein größtes Verbrechen ansehen, und sich vor demselben hüten; er soll sich lieber selbst eine Ohrfeige geben, ehe er sich untersteht, gegen seine Frau eine finstere Miene zu machen.“

Im selben Dokument berichtet der Vorsteher der Simandlbruderschaft „Schulze von Pantoffelshaufen“, dass er im vergangenen Jahr 200 Ohrfeigen von seiner Frau erhalten habe. Seiner Funktion als Vorsteher der Bruderschaft habe er sich „durch die allergrößte Unterthänigkeit gegen meine Frau würdig gemacht“.

Simandlbrunnen Krems © kremskultur

Fakten rund um das zänkische Pärchen:
  • Kaiser Franz II (I) hatte mit dieser Art der Bruderschaft gar keine Freude : „ …Wenn die Simandl-Bruderschaft wirklich bestehe, so müsse ihr, nachdem alle was immer für einen Namen habenden Verbrüderungen verboten sind, ein Ende gemacht werden…“ – Kaiser Franz II(I) hatte 4 Ehefrauen und wusste bestimmt, wovon er sprach, obwohl er sie angeblich alle sehr liebte!
  • Simandlbälle: Heute noch gibt es zahlreiche Simandlbälle (z.B. Hofamt Priel, Rabenstein an der Pielach…) mit Rollentausch zwischen Mann und Frau nach dem alten Motto der „Verkehrten Welt“. Dass dabei die Frau zum Tanz auffordert und zum Getränk einlädt, versteht sich wohl von selbst!
  • Der Brunnen aus Mannersdorfer Stein wurde 1929 vom Wiener Bildhauer Franz Zelezny (*6.8.1866 Wien, U11.1932 Wien) gefertigt anlässlich des 400. Jahrestages der Gründung der Simandl-Bruderschaft, die seit 1529 existiert haben soll.  Der bekannte Architekt Adolf Loos nannte ihn „den größten ornamentalen Holzbildhauer unserer Zeit, den größten aller lebenden Holzschneider“; für den Wiener Stephansdom schuf er 2 Reliquienbüsten der Päpste Sixtus und Urban (1902).
Und wo steht nun unsere selbstbewusste Lady mit ihrem unterjochten Ehegespons?

An prominenter Stelle unweit des ehemaligen Wienertores: Am Ende der Fußgängerzone, genau da, wo die Wegscheid vom Hohen Markt kommend in die Untere Landstraße mündet.

Quellen:

  • Dr. Anton Kerschbaumer: Geschichte der Stadt Krems
  • Dr. Hans Plöckinger: Sagen aus der Wachau
  • Dalkenheim: Geschichte und Statuten der weltberühmten Simandlbruderschaft samt einer passenden Rede des Obervorstehers (1790)  
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Simandl_(Sage)

Ob die Simandlbruderschaften nun eine Selbsthilfegruppe unterjochter Ehemänner war, eine Vereinigung zur Förderung von Mäßigung und Moral ihrer Mitglieder im Sinne Dietrichsteins, oder lediglich der Grund für eine organisierte und gepflegte wöchentliche Trinkrunde, dürfen Sie selbst entscheiden! Unweit vom Brunnen sind einige wunderbare Kaffeehäuser, laden Sie Ihre Holde auf ein Tässchen Kaffee und Mehlspeise ein und schon ist der Hausfrieden wieder gesichert!

Rückmeldungen jeder Art sehr willkommen! Bitte gerne per Mail an office@kremskultur.at!

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