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Pfarrkirche Langenlois: Altar mit Frauenpower!

18. Juni 2016 Veröffentlicht von Monika Hauleitner

Neun Gothic Ladies stehen dem Hl. Laurentius bei seiner Mission als Kirchenpatron zur Seite

Der Langenlois Hauptaltar hat sowohl geschichtlich als auch geografisch eine längere Reise hinter sich gebracht. Aber nun alles der Reihe nach:

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Kaspar von Roggendorf, nicht nur Hausherr von Schloss Pöggstall, sondern auch Mäzen und Auftraggeber zahlreicher Künstler im südlichen Waldviertel, gibt rund um das Jahr 1500 für die damalige Pöggstaller Pfarrkirche St. Anna einen Flügelaltar in Auftrag. Dieses spätgotische Kunstwerk kommt auf Umwegen nach Wien und anschließend in die Sammlung von Schloss Ambras.

In den 1950er Jahren stehen in der Pfarrkirche Langenlois größere Restaurierungsarbeiten und eine Rückführung des Kirchenbaus in den gotischen Bauzustand an. Was würde da besser passen als ein originaler gotischer Altar? Schließlich wird entschieden, für die Langenloiser Pfarrkirche diesen „Pöggstaller Barbara-Altar“ vom Schloss Ambras anzukaufen (1954).

Fünf heilige Jungfrauen übersiedeln nach Langenlois, samt ihren Kronen und Schleierbrett.

Bedauerlicherweise ist nur mehr der gotische Mittelschrein vorhanden! Die Seitenteile des Flügelaltars fehlen. Und hier ist nun der Moment, wo das Mittelalter auf die Moderne trifft!

Kommentar am Rande:

Die Roggendorfer blieben 123 Jahre lang die Herren vom Schloss Pöggstall und somit tonangebend im südlichen Waldviertel! Zur Zeit der Reformation war genau diese Familie recht lutherisch unterwegs! Genau genommen war der Familiensitz Schloss Pöggstall ein Zentrum des Protestantismus! Vielleicht ging in diesem Zusammenhang der Damen-Altar auf Reisen.

Helmut Kies beflügelt das Mittelalter

1964 bekommt der Wiener Maler Prof. Helmut Kies (*1933-†2015) den Auftrag, für diesen vorhanden Mittelschrein die Seitenflügel mit 4 Tafelbildern zu versehen. Das Ungewöhnliche daran ist freilich, dass Helmut Kies ein Vertreter des Phantastischen Realismus ist (Ernst Fuchs, Arik Brauer, Rudolf Hausner…) – also eine durchaus spannende Kombination der Epochen! Thema der Flügel soll natürlich das Leben des Langenloiser Kirchenpatrons Hl. Laurentius sein.

Was sieht man nun auf dem Altar?

Hl. Barbara: in der Mitte, als Hauptfigur eine Spur größer als ihre Kolleginnen; mit Kelch und Hostie

Rechts davon: Hl. Katharina mit Buch und Schwert

Links davon: Hl. Dorothea mit Blumenkörbchen

und 2 weitere heilige Damen (links und rechts außen) die inkognito unterwegs sind!

Unterhalb, auf der Predella, die nächste Damen-Truppe:

Hl. Agatha, Hl. Lucia von Syracus, Hl. Justina und eine (unerkannte) Heilige mit Palmzweig.

Wollen wir uns also den Hl. Laurentius und seine Heiligenlegende genauer ansehen:

Im Jahr 258 mitten in Rom geboren, startete er als junger Mann eine Karriere als Diakon, später Archidiakon zur Zeit von Papst Sixtus II [eigentlich war Sixtus nur Bischof, weil es den Titel Papst noch gar nicht gab!]. Laurentius‘ Aufgabe war die Verwaltung des örtlichen Kirchenvermögens und dessen Verwendung für soziale Zwecke!!!

Nachdem Kaiser Valerian Papst Sixtus hatte enthaupten lassen, wurde Laurentius aufgefordert, alles Eigentum der Kirche innerhalb von drei Tagen herauszugeben. Daraufhin verteilte Laurentius das Vermögen an die Mitglieder der Gemeinde, versammelte alle Armen und Kranken und präsentierte sie als den wahren Reichtum der Kirche dem Kaiser. Dieser ließ Laurentius deswegen mehrfach foltern und dann durch Grillen auf einem eisernen Gitterrost qualvoll hinrichten. Der Überlieferung nach waren seine an den Kaiser gerichteten letzten Worte:

„Du armer Mensch, mir ist dieses Feuer eine Kühle, dir aber bringt es ewige Pein.“

Unbedingt merken müssen wir uns in diesem Zusammenhang den Sterbetag des Hl. Laurentius: 10. August 258 !

Und weshalb soll nun der 10. August so wichtig sein?

Kaiser Otto I. siegte am 10. August 955 in der Schlacht auf dem Lechfeld gegen die Ungarn! ⇒ dem Laurentius-Kult im deutschsprachigen Raum stand nichts mehr im Wege!

König Philipp II. von Spanien (ein Habsburger!) siegte am 10. August 1557 in der Schlacht von Saint-Quentin gegen den französischen König Heinrich II. ⇒ Hl. Laurentius (San Lorenzo) wurde Schutzpatron von Spanien!

⇒ Philipp II gelobte, dem Heiligen ein Kloster zu bauen: San Lorenzo de El Escorial (damit spätere Touristen auch aus dem Flugzeug sehen können, wem das Kloster geweiht ist, wurde als Grundriss eine Gitterform = Rost gewählt!

„Tränen des Laurentius“ – Perseidenschauer: Weil die Perseiden gerade Mitte August, zwischen dem 10. und 14. August am besten zu beobachten sind, werden sie gerne als Tränen des Laurentius bezeichnet!

Rote und blaue Flügel erzählen…

die Höhen und Tiefen des Lebens des Hl. Laurentius.

1: Laurentius verteilt Geld an die Gläubigen im Alten Rom 4: Laurentius‘ Weg in den Himmel – Apotheose
2: Laurentius wird von Schergen gefangen genommen 3: Laurentius erleidet Folterqualen auf dem glühenden Rost

Langenlois.Laurentius.St.Laurent

Dass es in der Weinstadt Langenlois auch die Rebsorte St. Laurent gibt, wird nun niemanden verwundern! Diese sehr zeitig reife Traube (angeblich sogar schon um den 10. August herum!) ist kräftig gefärbt – rot wie das Blut des Märtyrers.

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Im Rahmen einer Stadtführung in Langenlois können Sie gerne das gotische Damengeschwader in der Kirche besuchen, dem Hl. Laurentius Referenz erweisen, eine Innenführung in der gotischen Kirche genießen und zum Abschluss vielleicht sogar noch ein Glas St. Laurent – der Vollständigkeit halber!

Ergänzungen, Kommentare, Rückmeldungen jeder Art bitte gerne an .img@.img Freue mich über jede Rückmeldung!

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