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Venus von Willendorf: Wachauer Lockenkopf – ein Hingucker seit über 100 Jahren!

26. August 2017 Veröffentlicht von Monika Hauleitner

Liebe Wachau-Besucher, liebe Donauradweg-Radler, liebe Welterbesteig-Wanderer, liebe Hotel- und Pensionsgäste!

 

Darf ich vorstellen: die Venus von Willendorf! Ihres Zeichens Fruchtbarkeitsikone und Testimonial der ganzen Region: Üppig wie die Obstgärten rundherum, rundlich gebaut wie die Hügel an der Donau! Berühmt wie Maria Theresia und ebenso beleibt! Hier kurz ihre Story:

Am Beginn des 20. Jahrhunderts sollte die Wachau eine Eisenbahnlinie bekommen; da das Gebiet bereits als archäologisch interessante Zone bekannt war, schickte man Wissenschaftler und Archäologen der anthropologisch-prähistorischen Sammlung des k.k. Naturhistorischen Hofmuseums Wien voraus, um den Boden ober- und unterhalb der geplanten Bahntrasse zu untersuchen. Und tatsächlich machte man bei diesen planmäßigen Ausgrabungen am 7.8.1908 einen Sensationsfund: eine etwa 11 cm kleine Statuette.

Der Archäologe Josef Szombathy sah dieses kleine Figürchen bei den Funden des Arbeiters Veran liegen und erkannte sofort ihre Bedeutung für die Wissenschaft! Es war die erste meisterhaft gearbeitete Darstellung einer vollständigen Menschengestalt! Wahrlich eine Sensation!

Um Sammler und Hobby-Archäologen fern zu halten, wurde der Fund vorerst geheim gehalten. Erst 1910 informierte eine Presseaussendung über diese archäologische Sensation. Viele Jahre später wurden weitere, heute sehr bekannte Venusfiguren gefunden. Zeit genug, die Venus von Willendorf zum Mythos werden zu lassen!

Schätzt man das Alter reiferer Damen, kann man ganz schön danebenliegen: Selbst an der Fundstelle finden sich drei Altersangaben: 24.000/25.000/30.000 Jahre! Neueste wissenschaftliche Untersuchen erlauben eine recht präzise Altersangabe des Wachauer Lockenkopfs: 29.500 Jahren! [Stand: 2017]

Die Entdecker der Venus, der Kustos der Prähistorischen Sammlung Josef Szombathy, sowie der Grabungsleiter Josef Bayer und der Archäologe Hugo Obermaier präsentierten nie ihren Fund der Fachwelt. Unstimmigkeiten zwischen den drei Hauptakteuren dürften dafür die Ursache sein.

70 Jahre später, genaugenommen 1978, wurde direkt an der Fundstelle in Willendorf eine Kopie mit zehnfacher Größe aufgestellt – weithin sichtbar!

Venus von Willendorf
 Alter: rund 29.500 Jahre (jüngere Altsteinzeit = Gravettien)
 Größe: 11 cm
 Figur: mit Feuerstein-Werkzeugen aus feinem Kalkstein geschnitzt
 Material: Kalkoolith aus Stránská Skála (nahe Brünn / Tschechien)
 Merkmale:
  • keine Füße
  • kein Gesicht
  • ausgeprägte Adipositas (heute nicht gerade selten, aber in der Steinzeit? War das überhaupt möglich? Vielleicht nur eine Wunschvorstellung beim Gedanken an ausreichend Nahrung!
  • BMI > gewiss über 35
  • Ursprünglich mit Rötel bedeckt
 Kopf: Wenn diese Locken nicht locken, locken keine Locken mehr! – Könnte aber auch eine Kopfbedeckung sein! 
 Derzeitiger Aufenthaltsort: Naturhistorisches Museum Wien (ist wohl ein Kunstwerk, aber die Archäologen unterstanden dem NHM)
 Schwestern:
  • Venus II aus Elfenbein (1926 von Josef Bayer an derselben Fundstelle entdeckt, sehr schlechter Erhaltungszustand; 22,5 cm Höhe, nicht fertig gestellt)
  • Venus III ebenfalls aus Mammutstoßzahn, ovaloider Körper, 9 cm Höhe; auch in Willendorf gefunden!
 Verwandte: Auffallend viele Gemeinsamkeiten mit osteuropäischen Statuetten; ähnliche Frauenidole aus Kalkstein, Speckstein oder Elfenbein, sogar aus Ton, wurden über ein 3000 km weites Verbreitungsgebiet von Europa bis nach Sibirien gefunden, mittlerweile mehr als  200 Exemplare. Vergleichbare Funde der näheren Umgebung sind die Venus von Dolní Vêstonice  (Mähren) oder die Venus von Moravany nad Váhom in der Slowakei.

Ort des Fundes: Willendorf II – Hot spot der Archäologie

Bereits seit den 70er Jahren des 19. Jh. fand der Besitzer der Ziegelei Brunner immer wieder Feuersteine, die er als Steinfeuerzeuge verschenkte. Auf Umwegen erfuhr Szombathy, Mitarbeiter des Naturhistorischen Hofmuseums davon und startete erste Untersuchungen bereits mehr als 20 Jahre vor der Venus-Entdeckung! Somit wahrlich kein Zufallsfund!

Internationale Bedeutung:

9 übereinanderliegende Siedlungsschichten altsteinzeitlicher Jäger und Sammler machen Willendorf zu einer Schlüsselfundstelle der Archäologie in Europa. Ein Zeitraum von fast 20.000 Jahren Menschheitsgeschichte wird hier abgedeckt – einmalig in ganz Mitteleuropa! Die Venus wurde in der obersten Schicht (9) gefunden!

1993 wurde von einem Forschungsteam aus Brüssel und Wien ein Profil in der Böschung beim heutigen Venusdenkmal in Willendorf freigelegt und analysiert. (Paläobotanik und Holzartenbestimmung, Sedimentologie und Bodenkunde, Paläontologie und Malakologie). Nach neuesten Datierungen der 9 Kulturschichten der Fundstelle II hat sich der Mensch in einem Zeitraum von ca. 42.000 bis 24.000 Jahren immer wieder in der Gegend von Willendorf aufgehalten.

Zeit des Fundes: Gravettien = Jüngere Altsteinzeit

  • Vor 35.000-24.000 Jahre
  • Charakteristika: Verwendung des Stichels und rückengestumpfter Klingen
  • Frauenstatuetten
  • sowohl Neandertaler als auch der frühe Homo sapiens lebten in Mitteleuropa.

Frauenstatuetten des Gravettien:

  • aus Elfenbein/Mammutstoßzähnen, Stein und Ton;
  • meist nackt, ohne Gesicht und ohne Füße; Bauch und Geschlechtsmerkmale stark betont; winzige Arme;
  • häufig Verwendung von Rötel: Rot galt in der Altsteinzeit als Symbol für Leben, Tod und Wiedergeburt.
  • Symbolik: ungewiss, häufig Deutung als sinnbildliche Verkörperung der Idee der Fruchtbarkeit; manche Wissenschaftler sehen darin Hinweise auf ein Matriarchat, Bedeutung des Weiblichen in der Gesellschaft; möglicherweise auch Wunschbilder, die durch ihre Leibesfülle den sichtbaren Beweis für ausreichende Nahrung und Jagdglück symbolisieren.
  • Die bisher gefundenen Statuetten stammen durchwegs von dauerhaften Siedlungsplätzen. Aufgrund der fehlenden Füße wird angenommen, dass sie in den Boden gesteckt wurden.
  • Heute geht man von einer einheitlichen religiösen Vorstellung während der Spätphase des Gravettien (vor dem Höhepunkt der letzten Eiszeit) aus, in der bereits ein großer Mangel an Nahrung herrschte und die Bevölkerungsdichte allmählich zurückging. Am Ende dieser Phase vor 20.000 Jahren war Mitteleuropa vollständig vom Homo sapiens verlassen worden. Erst Jahrtausende später wurde Europa von einer kleinwüchsigeren Bevölkerung neu besiedelt, die mit ganz anderen kulturellen Äußerungen die Höhlen bewohnten. Die Venusfiguren waren verschwunden!

links: Venus von Moravany (Museum/Bratislava)

Mitte: Venus von Kostenki

rechts: Venus von Willendorf

 

Methoden der Untersuchung:

Während bei ersten Untersuchung noch das Fundobjekt im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, bezogen der österreichische Forscher Philip Nigst von der Universität Cambridge und Bence Viola vom Max-Planck-Institut für Anthropologie in Leipzig (BRD) die Löss-Schichten an der Fundstelle mit ein. Die Wissenschaftler konnten anhand der Zusammensetzung der Arten und Unterarten von Schnecken, deren Häuser in diesen Schichten zu finden sind, das altsteinzeitliche Klima rekonstruieren. Ein komplexes Bild der Umweltbedingungen und der Lebensumstände der Menschen kann so erstellt werden. Die Altersangabe kann somit viel präziser gemacht werden!

Aktuell in der Vitrine:

Die Geburt der Venus von Ronald Heberling „Hero“

Die Hochsicherheitsvitrine am Fundort wird seit 2010 jedes Jahr mit Werken von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern bespielt, die sich mit dem Themenspektrum rund um die Venus auseinandersetzen.

Quellen:

Blick vom Venus-Fundort Richtung Süden!

Willendorf 1 

Ergänzungen, Korrekturen, Kommentare, Feedback jeder Art bitte gerne an office@kremskultur.at! Für tolle Fotos bin ich auch dankbar!

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